Serientagebuch: 13 Reasons Why – Kassette 1, Seite A

Nun habe ich mich auch endlich dazu entschlossen mir diese Serie anzuschauen. Von Anfang an habe ich den Hype mitbekommen, der sich um diese neue Netflix-Perle windet. Ob auf Facebook, YouTube oder Twitter, überall war und ist diese Serie Diskussionsthema; selbst auf Jodel (eine geographisch begrenzte & anonyme Social-Media-App für vorwiegend Studenten), lese ich immer wieder von Leuten, die nach dem Schauen dieser Serie so viel Redebedarf haben, dass sie dort nach Kommunikation und Diskussion suchen.
Bisher hatte ich mich aber erfolgreich davor verwehrt, mich dieser Serie hinzugeben. Vielleicht war ich ein wenig vom Hype genervt? Vor allem aber, denke ich, hat mich das Thema der Serie etwas abgestoßen. Sonderlich viel wusste ich darüber nicht, nur soviel: Ein Mädchen begeht Selbstmord und hat vorher aber noch Botschaften/Nachrichten auf Tapes gesprochen, die sie Personen ihres Lebens zukommen lässt, um diese mit ihrem Selbstmord zu konfrontieren, aufzuklären oder Fragen zu beantworten. Zumindest grob wusste ich daher um was es geht und meine erste Reaktion war eher so:

“Mäh…das ist doch nur wieder so ein weiteres Tränendrüsendrama über das Thema Mobbing. Haben wir sowas nicht endlich mal durch. War das nicht schon oft genug Thema, ob in Amoklauffilmen, Mobbing-Debatten oder Ähnlichem. Braucht man das jetzt; und das bekommt jetzt auch noch so einen Hype? Und dann sorgt die Serie noch für so viele Diskussionen? Was kann da bitte so kontrovers sein, dass man darüber vielfach reden müsste. Ja, Mobbing, Selbstmord das ist alles sehr schlimm, aber was ist an dem Thema jetzt so neu, dass es durch diese Serie so eine Welle auslöst? Die Serie ist mit Sicherheit mit so viel triefender & manipulativer Tränendrüsenüberinszenierung vollgestopft, dass ich mir das nicht antun kann: Armes Mobbing-Opfer in Close-Up, tieftraurige Musik im Hintergrund, die leidende Familie, die bösen Mobber und dann der tragische Selbstmord. Ich habe mittlerweile so viele Filme dieser Art gesehen. Ich kann und will mich darauf nicht einlassen. Wenn schon die traurige Musik im Hintergrund anfängt, dann macht’s bei mir Klick und ich sage mir, aha jetzt kommt die traurige manipulative Musik, die mich offensichtlich in eine emotionale Verfassung bringen möchte. Darauf kann ich mich einfach nicht einlassen. Aber wahrscheinlich ist es genau diese manipulative Tränendrüseninszenierung, die dafür sorgt, dass Millionen Frauen & Mädchen auf der Welt nach dieser Serie heulend auf dem Sofa sitzen und erstmal in’s Internet gehen und darüber reden müssen. Das Erfolgsrezept dieser Serie.”

Zumindest so oder so ähnlich waren meine Gedanken vor’m Anschauen. Deshalb habe ich mir sie doch jetzt etwas länger schon vor mir hergeschoben. Nun hab ich mir aber doch die erste Folge angeschaut. Ich bin mir im Übrigen nicht ganz sicher, warum ich gerade bei diesem Thema so viel Probleme mit offensichtlicher Emotionalität habe. Ansonsten habe ich eher kein Problem mit Dramen, mag sie z.T. sogar sehr gerne. Warum ich aber gerade bei diesem Thema bisher keine Lust drauf hatte, da bin ich mir nicht so sicher. Es hat ein wenig gedauert, bis ich dann auf “Play” gedrückt habe, weil in meinem Kopf immer wieder rumschwirrte, ob ich mir sowas depressives jetzt wirklich vor’m Schlafengehen reinziehen möchte, aber ich hab’s gemacht. In diesem Tagebuch werde ich zu jeder Folge einen Eintrag schreiben. Wie groß er ausfallen wird, wird davon abhängen wie viel Schreibbedarf ich habe. Logischerweise werde ich aber frei über die Folge schreiben. Wenn ihr die Serie also noch nicht gesehen habt und nichts verraten haben wollt, solltet ihr euch die Einträge besser nicht durchlesen. Ob aber meine obige Prämisse, mit der ich an diese Serie heran gegangen bin, bewahrheiten wird, oder ob doch mehr dahinter steckt, wird sich zeigen. Das war’s jetzt aber mit Vorgeplänkel, los geht’s mit Kassette 1, Seite A:

Ich bin wirklich etwas überrascht. In vielerlei Hinsicht. Zum Einen ist die Serie bisher viel weniger trauriges und emotionales Drama als ich erwartet habe. Eventuell kommt das noch, schließlich ist das die erste Folge, aber dennoch war sie für das schwierige Thema ungewohnt leicht und fast schon klassische, amerikanische High-School-Kost. Die Musik war alles andere als traurig, fast schon eher fröhlich und unbedarft. Auch die Inszenierung wirkt nicht depressiv. Ich hatte in Teilen eher sogar das Gefühl, dass hier Mobbing & Selbstmord lediglich als Mittel zum Zweck einer Mystery-Serie gebraucht werden:
Der Protagonist bekommt 13 mysteriöse Tapes von dem toten Mädchen und will sie sich anhören, beim Anhören des Tapes (man hört nur die ersten Worte des Mädchens), kommt seine Mutter rein – totale Anspannung, er wird mega nervös, wodurch er den Kassettenrekorder runterfallen lässt und dieser kaputt geht. Jetzt klaut er einem Kumpel dessen Kassettenrekorder, fährt in der Dunkelheit durch die Stadt, wird von einem Auto angefahren, doch der Adrenalinpegel bleibt oben, die Spannung ist hoch, er fährt weiter. Dann wird er in der Nacht von einem unbekannten Auto verfolgt und muss vor diesem fliehen. Das verstorbene Mädchen auf dem Tape erzählt ihm, dass er beobachtet wird, der Thriller is real!
Das ist jetzt natürlich etwas bewusst reißerisch von mir geschrieben, aber so ähnlich verläuft die erste Folge und ich habe mich wirklich gefragt, ob diese Art der Inszenierung und Geschichtenschreibe mit dem Hintergrund des Selbstmordes angebracht ist. Mir kam es z.T. auch etwas zu konstruriert und offensiv auf Mystery-Box, wie geht es weiter, wer steckt dahinter und was erwartet uns getrimmt. Ich bin mir aber noch unsicher, ob nicht vielleicht das gerade eine “erfrischende” und gute Herangehensweise ist, um sich diesem Thema anzunähern. Viel weniger offensichtliches Tränendrüsendrama und dafür ne interessante und spannende Geschichte. Andererseits kann man fragen, ob es überhaupt sein darf, dass eine derartige Geschichte spannend, interessant oder gar unterhaltsam ist. Denn ich will auf jeden Fall die Serie weiterschauen. Nicht aber unbedingt wegen des Mobbing- und Selbstmord-Themas, sondern wegen der gut untergebrachten Thriller- und Mystery-Box-Tropen, die eine spannende Story draus machen.
Sehr gut gefallen haben mir aber die zeitlichen Rückblicke und ihre Übergänge aus der Gegenwart gefallen. Logischerweise spielt ein großer Teil der Handlung in der Vergangenheit. Den Machern sind aber sehr schöne Kniffe eingefallen, um die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit bei diesen Rückblicken verschwimmen zu lassen, wodurch sie nicht zu stark konstruiert und offensichtlich eingebaut wirken. Wie der Protagonist, der sich die Tapes anhört und dabei live in der Gegenwart bei den realen Orten ist, so wird auch für den Zuschauer die Trennmauer von Vergangenheit und Gegenwart geschickt verwischt. So musste ich an der einen oder anderen Stelle auf Pause drücken und kurz zurückzuspielen, um mir den Übergang in die Vergangenheit noch einmal anzuschauen, weil es mir direkt gar nicht aufgefallen war.

Ein wirkliches Fazit kann ich an der Stelle noch nicht ziehen. Zu wenig ist passiert. Die Handlung ist bisher im großen und ganzen american High-School. Dabei werden Liebe, Parties, Eifersucht und vieles Mehr angeschnitten. Alles was ein typischer Teenager halt so erlebt. Nur diesmal aus der Perspektive einer Toten. Die Spannungselemente machen das Ganze aber unterhaltsam und interessant. Ich habe definitiv Bock auf die zweite Folge. Bin gespannt wie’s weitergeht.

 

 

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