Kritik: Ghost in the Shell (1995)

Unanfechtbar ein Meilenstein für die kulturelle Entwicklung des Animes, insbesondere für den entscheidenden Einfluss den dieser Film auf den internationalen Durchbruch und der Anerkennung des japanischen Animationsfilms weltweit hatte.
So verwundert es auch kaum, wie dieser Film die popkulturelle Entwicklung des Science-Fiction-Filmes allgemein beeinflussen konnte. Mit genauerer Analyse wird zwar erkennbar, dass Ghost in the Shell in vielerlei Hinsicht weniger Neues vorgebracht hat als ihm gerne angedichtet wird; nichts was nicht in irgendeiner Art und Weise in philosophischer, oder stilistischer Sicht bereits behandelt wurde wurde. Jedoch hat es Mamoru Oshii in diesem Kunstwerk geschafft, viele Elemente zu einem schlüssigen Ganzen aufzubauen, Verweise zu kreieren, Denkmuster anzuregen und den Zuschauer hinterfragen, kritisieren und weiterdenken zu lassen.
Ghost in the Shell besticht durch eine grandiose musikalische Untermalung gepaart mit einer stilsicheren Inszenierung, aufgebaut durch ein futuristisches, aber düsteres, in Teilen träumerisch melancholisches Artdesign. Wenngleich die philosophischen Themen nicht neu sind. Der Film wirft letztendlich die gleichen Fragen auf, die bereits Mary Shelley 1818 mit ihrem Roman Frankenstein oder Der moderne Prometheus behandelt hatte, setzt dabei aber andere Akzente und umrahmt die Geschichte mit einer Zukunftsvision unserer Welt, aufgewertet durch hochwertigen Action-Sequenzen. Leider geht der Film bei weitem nicht derart tief in die philosophische Materie ein, wie er es dem Zuschauer durch metaphernreiche Szenenbilder, kontraststarke Musik und eine tieftraurige nicht-erklärte, aber scheinbar komplexe Welt, suggeriert.
Die Figuren bleiben in vielen Belangen blass. An einigen Stellen kann die Erzählweise ihre Längen haben, basierend auf Dialogen, deren Bewandtnis und Bedeutung einem zuerst noch gar nicht bewusst sind,  die jedoch an emotionaler Stärke durch die fehlende Bindung und Identifikation mit der Welt verlieren und dadurch als zäh und gequält empfunden werden können.
So bleibt das einzig emotional und dramaturgisch Relevante in diesem Film die philosophische Grundkonzeption, die den Zuschauer durchaus nachdenklich zurücklassen kann; darüber hinaus aber zu wenig selbst anstößt. Eventuell ist diese Kritik meinerseits aber auch unfair; ich  kann dieses Werk (leider) nur in der retrospektive betrachten und mich daher nicht in die konkrete damalige Zeit hineinversetzen. Ich kann versuchen nachzuempfinden, wie gut die Animationen damals waren; mit Hinblick darauf, was ich aber alles schon an natürlich heute viel besserem gesehen habe, sind diese Empfindungen aber nur blass und schemenhaft. Auch kann ich versuchen nachzuempfinden, was die Themen und die philosophischen Fragestellungen damals mit Hinblick auf die immer stärker werdende Digitalisierung durch das aufkommende Internet, bedeutet haben, aber wirklich fühlen kann ich das nicht.
Dadurch fällt es mir schwer die letztendliche Bedeutung und kulturelle Gewichtung dieses Werkes zu beurteilen, insbesondere wenn ich im Hinterkopf habe, wie viele Werke auch schon viel früher diese Themen aufgeworfen und zu kritischen Auseinandersetzungen verarbeitet haben.
Denn in der Rückschau kann ich diesen Film nicht als Meisterwerk bezeichnen und schon gar nicht als gesellschaftskritischen Meilenstein, wenngleich, wie ich auch schon in der Einleitung beschrieben habe, die Bedeutung für die weltweite Popularität des Animes unbestritten bleibt.
Zum Ende hin möchte ich aber noch den Mut zur Kürze dieses Filmes unterstreichen. Der Film nimmt sich genau die Zeit, die er braucht, um seine Botschaft zu entfalten, ohne dabei aufgeblasen zu wirken, ohne in den Tiefen eines Epos’ zu versinken, wie es gleichwertige Konkurrenzprodukte aus den USA wahrscheinlich tun würden (Wie es wohl auch beim US-amerikanischen Remake der Fall sein wird). Gerade dieses abschließende eigene Bewusstsein verleiht diesem Werk einen gewissen Glanz.
Von dem dieses Jahr erscheinenden US-amerikanischen-Remake erwarte ich indes aber gerade auch mehr als nur eine gute Umsetzung des vorgegebenen Stoffes. Die Welt braucht keine umgesetzte Realverfilmung eines Animes aus dem Jahre 1995, wenn man nicht den künstlerischen Anspruch hat, auch etwas eigenes zu kreieren. Den Schritt zu gehen und sich den gesellschaftlichen und politischen Fragen unserer Zeit anzunehmen und diese mit religösen, philosophischen und rationalistischen Ansätzen mit stilistischer Inspiration durch Ghost in the Shell anzureichern. Die Welt hat sich weitergedreht, die Zeit ist voran geschritten, der Anime ist nun über 20 Jahre alt. So viel hat sich seitdem verändert und weiterentwickelt.
Ghost in the Shell war wohl ein Produkt seiner Zeit. Ein Remake macht nur Sinn, wenn dieses auch ein Produkt unserer Zeit und nicht einer vergangen Zeit wird.
Zu verfangen bleibt der Film nämlich in seiner philosophischen Thematik und schafft es nicht einen Einblick in die Gesellschaft und in die Köpfe der Menschen und Figuren zu schaffen.

Fazit: Bibel, Geistesphilosophie und Zukunftsvisionen unserer Welt, untermalt durch grandiose Musik und einzigartige Atmosphäre. Letztendlich bleiben die Themen jedoch zu sehr Fassade und die Welt mit ihren Figuren wird zu keinem Zeitpunkt mehr als Kulisse für die Fragestellungen, die sie behandeln soll. Entfaltung wird ihr nicht zugesprochen.

Gesamtwertung: 7/10

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