Kritik: Ein Jahr nach morgen (2012)

Dieser Film lässt einen mit einer gewissen Leere zurück. Eine Leere, die man kaum beschreiben kann. Ein Gefühl, getragen durch eine melancholische fast schon depressive Stimmung.
Ein Film, der es auf beeindruckende Weise schafft die Gefühlswelt der Figuren auf die Stilmittel und schlussendlich auf den Zuschauer selbst zu übertragen. Letztendlich ist dies aber leider das einzige, was der Film hervorbringen kann Wenn dies der Anspruch ist, an dem man einen Film messen sollte, der über einen Amoklauf und dessen Folgen in der Familie, im Freundeskreis, in der Schule, bei den Opfern, unbeteiligten Dritten und schlussendlich der Gesellschaft handelt, dann kann man hier von einem ausgezeichneten Film sprechen.
Jedoch ist mir dieser Anspruch zu gering. Der Film springt fast mechanisch von Figur zu Figur und zeigt deren Situation, was sie tun und wie sie das Geschehene verarbeiten. Fragen bleiben zurück. Fragen, die wahrscheinlich jeder der gezeigten Personen selbst im Kopf herumschwirren, man fühlt sich nicht nur nach einem Zuschauer. Das bleibt man aber und der Film bietet nicht in die Gelegenheit diese Gefühle zu konkludieren oder in eine Richtung zu lenken. Vielleicht ist genau dies die Leere, die nach diesem Film in einem zurückbleibt. Die Tatsache, dass man gerade etwas derart schreckliches gesehen hat und nicht die Möglichkeit bekommt eine der Figuren mal zu rütteln und mit dieser zu sprechen. Leider übernimmt dies der Film für einen an keiner einzigen Stelle. Ist das realistisch? Ich weiß es nicht. Die Dialoge fühlen sich leer an und die Figuren fressen ihren Schmerz, ihre Sorgen und ihre Hilflosigkeit in sich hinein.
Nebst dessen spricht der Film fast schon beiläufig einige Themen an wie Drogenmissbrauch, Liebe, Killerspielverbot, sexueller Missbrauch, Druck durch Schule, durch Eltern und eine fehlende Einfühlsamkeit der Gesellschaft. Zu keinem Zeitpunkt werden diese Themen verknüpft und zu einem Ziel geführt. Sie werden in den Raum geworfen und bleiben dort in der Leere hängen. Als Zuschauer nimmt man das alles auf und hofft darauf, dass der Film vielleicht auf das eine oder andere Thema tiefer eingeht, die Figuren sich damit auseinandersetzten lässt, bevor man in der nächsten Szene wieder eine andere Figur sehen kann, die seelisch vor dem Abgrund steht und nicht mehr weiterweiß. Dies mutet wie ein Bilderbuch an, eine Aneinanderreihung von Fragmenten, die sich an gewissen Punkten schneiden, alle die gleiche Geschichte erzählen, aber schlussendlich nicht mehr als Fragmente bleiben. Es ist unglaublich schwer einen solchen Film zu bewerten. So bleibt mir nur zu sagen, dass der Regisseur einen besonderen Film geschaffen hat, den man sich anschauen kann, aber nicht muss.
Die Leistung der Schauspieler war gut. Gloria Endres de Oliveira hat mir persönlich jedoch nicht so gut gefallen, es fehlte an Überzeugung und Authentizität. Dagegen ist mir Jannis Niewöhner sehr positiv aufgefallen.

Fazit: Solide, in weiten Teilen, insbesondere was die Zeichnung von Gefühlen und die Übertragung der Seelenwelt auf den Zuschauer angeht hat der Film durchaus seine Stärken, bleibt aber insgesamt zu fragmentiert und schwach. Eine etwas längere Laufzeit hätte diese Film vielleicht durchaus ganz gut getan.

Gesamtwertung: 6/10

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